
Aus einer Karnevalsidee für Kinder ist in Stolberg eine Welt voller Märchen, Musik und Miteinander entstanden – getragen von Menschen, die Kindern Raum geben für Fantasie, Geborgenheit und gemeinsames Wachsen.
Es läuft lustige Musik, aber niemand singt laut. Stattdessen bewegen sich Lippen im Takt, Kinderarme zeichnen Choreografien in die Luft, Glitzerstoff klimpert und knistert. Im Hintergrund wandert ein großer weißer Löwe durch den Flur – wie ein lebendig gewordenes Wappentier von Stolberg. Bei den Proben des Kulturvereins City Starlights e. V. entsteht gerade etwas ganz Besonderes: Fantasie, die verbindet.
Dass hier heute Kinder tanzen, Eltern nähen, Maskottchen lächeln und Shows geprobt werden, hat nicht mit einem Plan begonnen, sondern mit Engagement und Zufall. Genauer: Mit Kostümen und einer Kindershow, die Marcel und Michael Künstler vor gut zwanzig Jahren eher nebenbei erfanden. „Wir waren Karnevalisten“, erzählt Marcel. „Irgendwann wurden wir gefragt, ob wir bei einem Kindergeburtstag auftreten.“ Eine einmalige Sache, dachten sie. Dann kam die nächste Anfrage. Und die nächste. Bald wurden Kostüme professioneller, erste Puppen und Maskottchen entstanden, Ideen wuchsen. 2005 starteten die City Starlights als Showgruppe, 2011 folgte der Schritt zum eingetragenen Kulturverein.
Heute stemmen 21 aktive Mitglieder „unser Märchenreich“, wie Marcel Künstler es nennt. Und dieses Reich ist groß. Es umfasst Playback-Shows und Tanznummern, Märchenfiguren, Maskottchen und handgefertigte Puppen – auch eine stetig wachsende Schatzkammer fantastischer Requisiten gehört dazu: Pumuckls Bett, die Erbse der Prinzessin, der Zauberstab von Harry Potter, die Suppenschüssel vom Suppenkasper. Dinge, die Erwachsene wiedererkennen – und Kinder staunend entdecken.

Wie eine Familie
Wer bei den City Starlights Mitglied wird, kommt selten allein. Meist steigen ganze Familien ein. Die Kinder wollen tanzen oder spielen, die Eltern möchten sich eher im Hintergrund halten – aber nur am Anfang. „Das dauert selten länger als zwei, drei Monate“, sagt Michael schmunzelnd, „dann wollen sie ihr erstes Kostüm.“ So wächst der Verein organisch: Jüngere lernen von Älteren, Ältere lassen sich von der Fantasie der Kinder anstecken. Die Kleinsten stehen schon mit einem Jahr auf der Bühne, der älteste Weihnachtsmann ist 75 – der Vater von Marcel Künstler, Schatzmeister des Vereins und ehemaliger Theaterprofi. City Starlights funktioniert quer durch alle Generationen.
Die beiden Vorsitzenden arbeiten auch beruflich mit Kindern: Marcel als Alltagshelfer an einer Grundschule mit heilpädagogischer und integrativer Ausbildung, Michael seit über zwölf Jahren im OGS-Bereich. Was sie aus dem Berufsalltag kennen, prägt den Verein: zuhören, begleiten, ermutigen. „Wir machen im Grunde nichts anderes als jede gute Familie“, sagt Marcel. Und hinter dieser einfach klingenden Aussage steckt sehr viel: Manchmal ist diese Gemeinschaft mehr als ein Hobby. Kinder erzählen hier Dinge, die sie sonst nur schwer aussprechen können. Jugendliche suchen Rat und stellen Fragen zu Themen wie Identität, Freundschaft, Orientierung. „Bei uns kann auch ein Junge das Rotkäppchen spielen, um sich auszuprobieren“, sagt Michael. „Alles ohne Moralkeule, ohne Belehrung.“
Weihnachten als Herzstück
In Stolberg sind die City Starlights vor allem als Kupferstädter Weihnachtselfen bekannt. Auf dem Kaiserplatz organisieren und moderieren sie den großen Adventskalender vom 1. bis 23. Dezember, täglich mit Programmen für Kinder, Schulen und Familien. „Bei diesem Weihnachtsmarkt geht es nicht um Kommerz“, stellt Marcel fest. „Hier geht es darum, eine weihnachtliche Zeit zu verbringen. Kinder dürfen Kinder sein.“
Doch der Blick des Vereins reicht weit über die Weihnachtszeit hinaus. Wer die City Starlights im Sommer erleben will, sollte sich den 21. Juni vormerken: Bei den „Märchenträumen“ im Brückenkopf-Park Jülich verwandeln sie den Park in ein offenes Geschichtenland. Überall Stationen, an denen Märchen vorgelesen werden, ein großes Theaterzelt, Auftritte, Puppenspiel – ein Spaziergang durch die Welt der Fantasie. Auch im Frühling wird es Termine geben, die rechtzeitig auf der Vereinswebsite zu finden sind.
Mittendrin: Gottlieb der Igel. Maskottchen, Unikat, Symbolfigur. Sechs Monate hat ein erfahrener Puppenbauer an ihm gearbeitet. Gottlieb ist wie alle Vereinspuppen ein Einzelstück und trägt einen Namen mit Geschichte: Er ist benannt nach dem Gründer des Phantasialands und steht für Marcels Kindheitstraum von sprechenden Figuren, singenden Vögeln und einer Welt, in der alles möglich ist.
„Hier hat alles Platz“
Die Atmosphäre bei der Probe wirkt leicht, ist aber das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Vertrauen, Verlässlichkeit und klare Strukturen prägen den Vereinsalltag. „Wir wurden zu Beginn nicht für voll genommen“, sagt Michael. „Seltsame Leute mit spitzen Ohren, damit konnten einige nichts anfangen.“ Heute wissen in Stolberg und darüber hinaus viele Menschen, was sie an diesem Verein haben. Mit viel Eigenleistung, Recycling, Umbauten und Spenden entsteht jedes Jahr etwas Größeres, das immer bunter wird und dabei so herzlich bleibt wie am ersten Tag.
Auch Mitglied Tim (12) hängt sehr an seinem Verein. Er spielt die Puppe des grummeligen Opa Hermann: „Ich habe die Weihnachtselfen immer auf dem Kaiserplatz gesehen, aber dann kam Corona, und alles war weg, ich war richtig traurig. Da habe ich den Elfen ein Video geschickt – und auf einmal standen sie vor meiner Tür. Seitdem mache ich mit. Opa Hermann ist meine Lieblingsfigur.“
Dabei sein und möglich machen
Die City Starlights suchen immer Menschen, die Lust haben, Teil ihrer fantasievollen Märchenwelt zu werden – Kinder, Jugendliche, Eltern, Großeltern, Kreative, Bastler, Träumer, Organisatoren. Wer eine Idee hat, darf sie umsetzen. Und wer helfen möchte, diese Arbeit langfristig zu sichern, kann den Verein auch mit Spenden unterstützen (Spendenkonto auf der Website).
Am Ende der Probe packt Michael Künstler das große Löwenkostüm wieder ein, und auch Gottlieb wandert zurück in seine Hülle. Zwei Kinder rennen lachend durch den Raum, bevor Marcel noch einmal die Musik startet. „Oben gute Laune, unten gute Laune …“ – Lippen bewegen sich im Takt, Arme tanzen, Geschichten nehmen Form an. Hier entstehen nicht einfach nur Shows. Hier wächst Gemeinschaft. Und irgendwo zwischen Glitzerstoff, Märchenpuppe und Kinderlachen findet Fantasie das, was sie braucht: ein Zuhause.

Wunderbar und bemerkenswert was hier auf die Beine gestellt wurde.