Ausbildung in der Corona-Krise

Wie das Lernen für junge Menschen im Home Office gelingen kann

Region. Wenn Felix Knaak sich in Zeiten des Corona-Kontaktverbots auf den Weg zum Ausbildungsplatz macht, braucht er kein Auto: Einfach aufstehen, sich bürofein machen, im Erdgeschoss des elterlichen Wohnhauses noch einen guten Kaffee holen und ab geht’s an den Schreibtisch. „Ich bin froh, dass mir die EWV auch als Azubi das Homeoffice ermöglicht“, sagt er. Normalerweise braucht er von seinem Wohnort bis zum Verwaltungsgebäude der EWV Energie- und Wasser-Versorgung GmbH etwa 20 bis 25 Minuten. Mit dem Auto. Jetzt schafft er die Strecke zu Fuß. In 20 Sekunden. Was sich so einfach liest, braucht aber viel Vorbereitung.

„Normalerweise ist unsere Ausbildung auf Face-to-Face ausgelegt“, so EWV-Ausbilder Ingo Malejka. Dabei ist der Tagesablauf wie auch der Ausbildungsplan von vorneherein klar: Der Azubi bekommt einen Platz direkt in der Abteilung, die gerade auf seinem Ablaufplan steht. Die Kollegen arbeiten mit ihr oder ihm im persönlichen Austausch die Themen ab. „Das geht ja in Zeiten von coronabedingtem Home Office nicht“, sagt Malejka schulterzuckend. Mit einer starken IT im Rücken, dem Ausbildungsplan in der Hand und fleißigen Ausbildungsbeauftragten (ABB) in jedem Bereich der EWV war diese Herausforderung aber sehr kurzfristig gelöst.

Alles läuft per Fernzugriff

„Während die IT innerhalb eines Tages für die nötige Technik mit Fernzugriff sorgte, haben wir uns gemeinsam mit den ABB maßgeschneiderte Ausbildungspläne überlegt“, sagt Malejka. Ein dickes Lob fließt dabei an die ABB, die abteilungseigene Pläne und Aufgaben in Windeseile online gangbar machten. Die Bedingung „alles online oder telefonisch“ war gesetzt. So wurden in kürzester Zeit gute Möglichkeiten geschaffen, die Azubis auch interaktiv und per Fernzugriff weiter im Stoff zu halten. „Die Leute müssen nach gut zwei Jahren mit den Inhalten durch sein. Da ist ein wochenlanger Ausbildungsausfall natürlich nicht machbar“, weiß Malejka. Das ist auch den beteiligten Berufsschulen in Aachen, Eschweiler und Stolberg klar. Von dort gab es kurz nach den offiziellen Schließungen wegen der Corona-Krise online-Lernmaterialien und Aufgaben.

„Eigentlich habe ich ja immer mittwochs und freitags Schule“, sagt die Auszubildende Christina Obers. Die Tage fallen natürlich nicht weg, die Inhalte werden jetzt von ihr wie auch von ihren Kollegen online erarbeitet. Darauf achten auch die ABB, die mit flexiblen Angeboten und ohne mahnende Finger Raum schaffen, um Ausbildungsinhalte und schulischen Lernstoff zu kombinieren. „Macht Spaß, auch wenn ich den persönlichen Kontakt vermisse“, ergänzt Azubi Anna Lena Weißenbach. Länger schlafen dürfen, fokussiert nach eigenem Zeitplan arbeiten und mal zwischendurch mit dem Haustier kuscheln: Das alles steht bei den künftigen EWVlern im Homeoffice hoch im Kurs.

Ganz wichtig: Ein geregelter Tagesablauf

„Zuhause habe ich weniger Ablenkung, kann Dinge Schritt für Schritt schnell und konzentriert abarbeiten“, sagt Anna Lena Weißenbach. Ein geregelter Tagesablauf ist dabei ganz wichtig, da sind die Drei sich einig. Aber was den persönlichen Kontakt betrifft, herrscht eine Meinung: Da fehlt doch was! „Wir haben zwar unseren regelmäßigen Austausch mit allen Azubis und den Ausbildern, aber so vor Ort, das ist doch ganz anders, außerdem haben wir viele tolle Kollegen“, bedauert Christina Obers die aktuelle Lage. Daran kann man zwar zurzeit nichts ändern. Aber mit eigenen Chats, dem Switchen zwischen Telefon- und Videokonferenz und Mails bekommen die Auszubildenden einen lebendigen Eindruck davon, was derzeit alle 240 EWVler umtreibt.

„Wir versuchen die Herausforderungen von Corona nicht nur negativ zu betrachten, sondern auch unsere Chancen darin zu suchen. Das ist nicht immer leicht, hilft aber, in dieser schwierigen Zeit, die Motivation aufrecht zu halten“, betont EWV-Geschäftsführer Manfred Schröder. Und er freut sich mit einer Generation, die wie wohl noch keine zuvor sich ohnehin täglich den digitalen Seiten des Lebens widmet und auch stellt, dass sie ihre Ausbildung sach- und fachgerecht mit Spaß durchlaufen. „Klar ist das alles für uns anstrengend, und natürlich hätten wir auch die Arme heben und sagen können: Is‘ jetzt so, können wir nix dran ändern“, gibt Ingo Malejka zu verstehen. „Aber so sind wir nun mal nicht gestrickt: Wir bilden für den eigenen Bedarf im Unternehmen aus, formen hier unsere eigenen Kollegen für die Zukunft des Betriebes und setzen auf Qualität. Auch in Krisenzeiten“.

Erfahrungen für die Zukunft

Dazu gehört, einen Blick auf flexibles Arbeiten zu werfen. War das in Zeiten vor dem Virus für Manchen noch Zukunftsmusik, wird in der Krise die Bedeutung des neuen Arbeitens im digitalen Zeitalter besonders sichtbar. „Die Erfahrungen, die wir jetzt sammeln konnten, formen auch die Struktur der Ausbildung in der Zukunft“, blickt Malejka voraus. Ein sich ständig den Gegebenheiten anpassender Ausbildungsplan. Inhalte, die das „Leben da draußen“ nicht nur spiegeln, sondern integrieren. Beides trifft auf den Willen zur Veränderung auch in einem sonst so klassischen Bereich wie Ausbildung. So könnte das jetzt aus der Krise geborene Lernen im Homeoffice bald ganz normal dazugehören.

„Manche unserer Azubis könnten dann beispielsweise nach dem Vormittag in der Schule auf den Bürobesuch vor Ort verzichten und so im Homeoffice den Rest des Tages mit ihren betrieblichen Aufgaben verbringen“, denkt der erfahrene Ausbilder. Arbeiten in Co-Working-Spaces wie der Digital Church in Aachen. Virtuelle Gemeinschaftsarbeiten oder auch online abgehaltene, ohnehin angesetzte wöchentliche Meetings. Als ganz normale Bestandteile der Ausbildung nicht nur denkbar, sondern manchmal wünschenswert. Das ist im Moment eine Idee für die nähere Zukunft. „Für einige ist der Weg zur Schule kürzer als zur EWV, da könnte man den Tag straffen und effektiver gestalten“, sagt Malejka.

„Ganz digital funktioniert Ausbildung nicht“

Dennoch will er nicht ganz darauf verzichten, „seine“ Azubis auch persönlich zu treffen. „Ganz digital funktioniert Ausbildung nicht“, sagt er, „es gibt Themen, die man besser unter vier Augen in einem Büro anspricht. Beispielsweise, wenn einmal etwas nicht klappt oder Konflikte gelöst werden müssen“. So ganz werden Felix Knaak, Christina Obers und Anna Lena Weißenbach also in der Zeit nach Corona nicht auf den Besuch am Arbeitsplatz verzichten können. Aber das Homeoffice als natürlichen Teil der Ausbildung leben, das könnten sie sich nach der Aufhebung der aktuellen Beschränkungen durchaus vorstellen. Und sei es nur, um vor der Arbeit ein wenig länger schlafen zu dürfen und mit einem leckeren Kaffee nach eigenem Geschmack oder mit dem geliebten Hündchen in der Nähe in den Arbeitstag zu starten. Schließlich sollen lernen und arbeiten ja auch Spaß machen.

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